Ein kleines Liedchen pfeifend ging Pilou Richtung Steinstrasse. Seine Wollmütze rutschte ihm immer wieder über die Stirn. Die Abendsonne färbte sein Gesicht braun. Als er die kleine Strandpromenade erreicht hatte, leuchteten seine dunklen Augen verschmitzt. Er liebte diese Stimmung. Vor ihm öffnete sich der grosse See zu einem kleinen Meer. Die Wellen brandeten gegen die Steinwälle und die Möwen kreischten in der warmen Abendluft.

Pilou stellte seine Staffelei am Steg auf. Er wollte die Abendstimmung mit all seinen Farben und kleinen geheimnisvollen Schatten einfangen. Die Farbpalette hatte er vorbereitet. Er beugte sich zuerst vornüber, legte sich flach auf den Bauch und starrte dann in den Himmel. Er erfasste die Szenerie in all seinen Details.

Die Wollmütze legte er über den Farbkoffer, strich sich das spärliche Haar zurück und atmete drei Mal tief ein. Dabei schloss er immer die Augen. Er versuchte das Verkehrsrauschen hinter sich auszublenden und selbst vollkommen in die Szenerie einzutauchen.

Er selbst war stets ein Teil seiner Kompositionen. Das machten seine Bilder aus. Man konnte ihn immer irgendwo gut eingebunden entdecken. Aber dafür musste er mit der Umgebung, mit der Stimmung verschmelzen. Nur so konnte er malen.

Er malte immer nur seine Gefühle an diesem Ort. Und es entstanden berührende Ausschnitte der Landschaft in einer zeitlosen Gegenwart, so beschrieb es einmal ein Kritiker in einer der führenden Kunstzeitschrift.

Doch auf so etwas gab Pilou nicht viel. Für ihn war das nur Gerede. Er malte, weil er das Bedürfnis hatte zu malen. Natürlich war ihm der Umstand recht, dass er in den letzten Jahren sehr gut von seinem Bedürfnis leben konnte. Doch traf man ihn auf der Strasse, würde kein Mensch ihn für den grossartigen Pilou halten. Ihm war diese ganze Publicity zu viel. Das überliess er lieber seiner Frau, die gern im Rampenlicht stand und sich auch gut in der Branche durchsetzen konnte. Madame Pilou managte ihn schon von Anfang an. Sie hatte sein Talent erkannt, gefördert und vermarktet.

Und nun konnten sie sehr gut davon leben.

Heute ging ein hektischer Spätsommersamstag zu ende. Und diese, sich langsam beruhigende Stimmung wollte er einfangen. Er war extra zuvor stundenlang durch die aufgewühlten Einkaufsstrassen geschlendert. Hat hier und da ein paar Skizzen gemacht und sich in ein Strassencafe gesetzt. Er lauschte den Gesprächen und beobachtet die angespannten Gesichter.

Nun konnte er die Ruhe spüren, die überall einkehrte. Gesichter entspannten sich, Gespräche wurden von Gelächter unterbrochen, der Alltag löste sich auf.

Er setze den Pinsel auf die Leinwand. Die ersten Striche waren noch zittrig, wussten nicht wo sie entlang laufen sollten. Pilou richtete sich zunächst nach der Linienführung am Horizont. Doch bald schon verloren sich seine Striche im Farbgewirr des Wassers, kreisten um die Schaumkronen der blaugrünen Wellen. Er flog mit den dunkler werdenden Schatten der Möwen in das Rosaorangegelbe Blau des Abendhimmels. Pilou war in einer so gelösten Stimmung, er tänzelte fast vor seiner Staffelei um die Farben aufzutragen. Er tupfte hier und da mit den Fingern in Farbpfützen und zog kleine Furchen über die Leinwand. Er spielte mit den Farben, so wie der Abend mit ihm spielte.

Doch das Spiel veränderte sich. Schatten flogen plötzlich über sein Bild. Die Farben wurden dunkler und überschatteten das Rosarot des Abendhimmels. Unter dem kleinen Steg an der Uferpromenade zog tiefes Schwarz alles Licht in sich hinein. Pilou erschrak. Er warf verängstigt seinen Pinsel auf den Farbkoffer. Tiefe Falten zogen sich über sein schmales Gesicht. Die Freude war erloschen. Was konnte nur so etwas in ihm ausgelöst haben? Was hatte sein Bild zerstört?

Verwirrt sah er sich um. Die Szene hatte sich kaum verändert. Schillernde Rottöne am Himmel, Blaugrüne Wellen mit weissen Schaumkronen, kreisende Möwen und eng umschlungene Liebespaare auf den Bänken. Und ein junger Mann. Ein Notizblock in den Händen sass er ebenfalls am Steg an der kleinen Uferpromenade. Er schrieb etwas. Sah kurz auf, überflog mit dem Blick die Wellen, den Himmel und die Promenade. Da bemerkte er Pilou. Er nickte ihm kurz zu und sah dann nachdenklich auf seine Notizen.

Sein braunes Haar stand strähnig in alle Richtungen. Er kratzte sich gelegentlich mit dem Bleistift über den Kopf, dann schrieb er wieder. Unauffällig sah er zu Pilou hinüber, radierte das geschriebene und schrieb aufs Neue etwas.

Pilou beobachtete den jungen Mann ein paar Minuten, wandte sich dann aber wieder seinem Bild zu. Plötzlich bemerkte er etwas neues. Auf dem Bild hatte er neben den Steg auf die Stufen, die zum Wasser führten eine Gestalt gemalt. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er dies getan hatte. Doch das war nichts ungewöhnliches. Wenn er erst einmal beim Malen ist, bemerkt er oft die Details nicht, die er malt. Häufig macht ihn erst seine Frau darauf aufmerksam. So war es auch dieses Mal. Pilou hatte den jungen Mann am Steg gemalt bevor er ihn überhaupt wahrgenommen hat. Und mit dem jungen Mann hatte sich seine Stimmung im Bild verändert. Der zuvor so glorreiche Sonnenuntergang, sah nun blass und ärmlich aus. Die Möwen kreisten erbarmungslos über dem Wasser. Und Dunkelheit schlich sich über die Uferpromenade.

Das Bild hatte sehr viel tiefe gewonnen. Es erzählte eine Geschichte von einem armen Schriftsteller, der Abends am grossen See sass und über die Welt philosophierte. Pilou war stolz auf dieses eindrückliche Werk. Der Zeitgeist einer ganzen Generation war darin zu erkennen. Einer Generation, die voller Ängste und Sorgen ist. Die jedoch noch Hoffnung hat. Und jeden Tag aufwacht und die Welt verändern will.

Pilou legte seinen Pinsel zur Seite. Er hatte sein Bild fertig gestellt. Seit einer Stunde brannten hinter ihm die Strassenlaternen. Und seine Finger waren vom malen steif geworden. Er sah zu dem jungen Mann hinunter, der noch immer schrieb. Nur wenige Schritte trennte die beiden Künstler von einander. Doch wagte es keiner von beiden den anderen anzusprechen.

Pilou packte seine Sachen ein. Er legte die Pinsel in ein altes Tuch, klappte die Staffelei zusammen und nahm den Farbkoffer unter den Arm. Als er ging nickte er dem jungen Mann zu und dieser nickte zurück. An einer Bank lehnte das Bild.

Erst als der Maler um eine Ecke gebogen war stand der junge Mann auf. Er nahm nachdenklich das Bild. Dann besah er sich seine kleine Geschichte, „Der Maler an der Uferpromenade“ und musste lächeln.