Die kleine Königin schiebt den grossen Esszimmerstuhl ans Fenster. Vorsichtig klettert sie auf den Stuhl und krabbelt unter die Gardine. Sie sitzt jetzt auf der breiten Fensterbank. Noch ist die Sonne nicht richtig aufgegangen. Es ist schon hell, aber die Sonne scheint noch nicht über die hohen Berge hinweg, die Grüntal umgeben.

Die kleine Königin Perlotta weiss genau, das ist die beste Zeit, um ihren kleinen Freund zu treffen. Wenn bloss nicht die strenge Köchin sie im Küchenfenster erwischt. Denn hier darf man nicht einfach herum sitzen. In der Küche nicht. Und schon gar nicht im Fenster. Da kann die Köchin richtig böse werden. Sicher hätte sie auch keine Freude an Perlottas Freund.

Aber sie muss ihn doch treffen. Sie hat ihm nämlich etwas ganz wichtiges zu erzählen. Gestern Abend hat sie sich ein neues Gesetz ausgedacht. Und zwar dass der Winter jetzt vorbei ist.

Die kleine Königin mag den Winter und den Schnee. Doch wenn Weihnachten vorbei und das neue Jahr angefangen hat, kann sie es gar nicht mehr abwarten, dass endlich wieder Frühling wird. Und weil sie aber auch gern Schlitten fährt, hat sie sich in ihrem neuen Gesetzt überlegt, dass es gleich Anfang November, der ja sonst immer so grau ist, anfängt zu schneien. Der Schnee bleibt bis ins neue Jahr liegen und dann Anfang Februar wird es Frühling. Das ist eine tolle Idee, findet die kleine Königin. Und weil sie eben eine Königin ist, kann sie auch Gesetze machen.

Sie hockt neben der grossen Blumenschale, die im Sommer auf der Terrasse stand. Denn dort wohnt ihr kleiner Freund. Er ist über den Winter mit der Blumenschale in die Küche gezogen. Natürlich weiss das die Köchin nicht. Und da hat sie ihn auch schon entdeckt, den Schneckenkönig. Er sitzt unter einem Blatt und schläft. Schade, nun kann sie ihm die Neuigkeit überhaupt nicht erzählen. Doch da kommt Sven, ihr Obersekretär zur Küchentür herein. Gerade wollte Perlotta ihm in die Arme springen, da sieht sie auch schon die dicke Martha. Die Köchin ist hinter Sven in die Küche gekommen und beginnt mit der Zubereitung des Frühstücks.

„Schönes warmes Porridge ist beim dem kalten Wetter genau das Richtige.“, trällert sie und macht Milch heiss, kippt Haferflocken in drei Schüsseln und schält einen Apfel.

Sven verzieht das Gesicht und bemerkt in diesem Moment die kleine Königin.

„Aber ich will Müsli. Müüüüüsli.“, schreit sie vom Fenstersims.

„Aber was machen sie denn im Fenster?“, fragt Sven und hebt sie herunter. Da flüstert sie ihm etwas ins Ohr. „Aha“, antwortet der Obersekretär.

„Jawohl. Und weil ich die Königin bin, befehle ich, dass ab heute Frühling ist. Und weil Frühling ist, essen wir auf der Terrasse.“ Sie nimmt ihre Müslischale und geht im Nachthemdchen und barfuss auf die Terrasse. Vornehm sitzen sie zu dritt und mit klappernden Zähnen am Tisch. Die milde Wintersonne wärmt kein bisschen, selbst das heisse Porridge der Köchin ist schon kalt geworden. Dann traut sich der Obersekretär etwas zu sagen.

„Vielleicht ist heute noch kein Frühling.“

„Ja. Vielleicht verspätet sich der Frühling in diesem Jahr.“, stimmt die Köchin ihm zu.

„Aber es ist doch ein Gesetzt.“, meint die kleine Königin traurig. Sie klettert zitternd auf den Schoss des Sekretärs und lässt sich in die warme Küche tragen. Dann fällt ihr etwas ein.

„Wenn es noch gar nicht Frühling wird, dann darf die Blumenschale aus dem Fenster auch noch nicht auf die Terrasse.“

„Stimmt.“, sagt die Köchin und kocht eine grosse Kanne Tee.

„Dann nehme ich die Schale mit in mein Zimmer, da kann ich besser auf die Blumen aufpassen.“

Misstrauisch sieht Martha der kleinen Königin hinterher, wie sie ihre Blumenschale aus der Küche trägt.

„So, jetzt sind wir allein. Du kannst kommen.“, flüstert Perlotta. Der Obersekretär Sven schiebt sich ins Zimmer und schliesst schnell hinter sich die Tür.

„Da siehst du. Das ist er, der Schneckenkönig.“ Und sie zeigt auf das kleine Schneckenhaus unter dem Blatt.

„Er ist schon den ganzen Winter in der Schale. Jeden morgen besuche ich ihn. Da kriecht er auf der Erde herum und langweilt sich. Er möchte doch so gern wieder nach draussen. Er muss doch auch regieren. Er ist ja ein König.“

„Aha.“, sagt Sven. „Und der wandert nun jeden Tag in der Schale herum?“

„Genau.“

„Und was macht ein Schneckenkönig im Winter?“, fragt der Obersekretär.

„Er denkt sich natürlich Gesetze aus.“

„Dann will er vielleicht gar nicht, dass schon Frühling wird.“

„Warum?“

„Na vielleicht ist er noch gar nicht fertig mit Gesetze ausdenken. Das ist bestimmt sehr schwer.“

„Das stimmt. Ja genau. Bestimmt hat er befohlen, dass noch so lange Winter ist, bis er fertig ist, mit Gesetzte ausdenken.“,sagt die kleine Königin begeistert.

„Bestimmt.“, sagt Sven. Dann fragt er. „Wie lange kann das noch dauern?“

„Oh, Gesetze ausdenken ist sehr schwer und anstrengend. Darum schläft der Schneckenkönig den ganzen Tag. Weil ihn das so müde macht. Also ich denke das kann noch gaaanz lange dauern, bis es Frühling wird. Aber wenn der Schneckenkönig fertig ist mit Nachdenken, sage ich dir als erstes Bescheid und dann essen wir unser Frühstück auf der Terrasse.“

„Das machen wir. Und bis dahin kann ja der Schneckenkönig hier bleiben. Vielleicht braucht er ja auch mal Hilfe beim Ausdenken.“

Der Obersekretär stellt die Blumenschale ins Fenster und verabschiedet sich leise vom Schneckenkönig.