Die Traumschleife

Die Traumschleife

«Bschscht. Komm, komm mit. Ich zeige dir etwas ganz Besonderes. Du musst nur mitkommen. Eins, zwei kleine Schritte nur. Sieh doch, dort oben ist es schon. Komm, komm mit. Du kannst es. Ich weiss es. Du weisst es. Heb den Arm und streckt die Beine fest durch. Stoss dich ab und du wirst fliegen.»

Anika streckte sich so fest sie konnte. Ihre Beine wurden lĂ€nger und lĂ€nger und fast berĂŒhrte sie den Mond. Dann löste sie einen Zeh nach dem anderen vom Boden und stiess sich mit dem grossen Zeh ab, wie eine Ballerina. Nun wirbelte sie hinauf. Drehte sich elegant um ihre eigene Achse und schwebte hinauf bis zu den Sternen.

«Wo bist du?», rief sie. Ihre Worte hallten durch den leeren Raum.«Wo bist du? Wo bist du? Wo bist du?» Anika schaute sich nach allen Seiten um. Doch ausser den Millionen von Sternen konnte sie nichts erkennen. Sie schloss die Arme vor der Brust und begann zu schwimmen. Ihre Beine bewegten sich auf und ab. Auf diese Weise kam sie gut voran.

So kam sie an kleinen Planeten vorbei, die sie einfach zur Seite schob. Sternschnuppen folgten ihr flĂŒsternd. «Wo will sie hin? Wo will sie hin?» Doch Anika verriet kein Wort. Sie stiess sich krĂ€ftig mit den Armen nach vorn. Dieses Mal, ja dieses Mal musste es ihr doch gelingen. Sie hatte es doch gesehen, das Leuchten in der Ferne. Und nun, wo sie schon soweit empor geflogen war, hörte sie auch wieder das Summen. «Uhmmmmmuhmmmmuhmmmm»

MerkwĂŒrdig. Das Summen schien sich zu entfernen. Kaum war Anika nĂ€her heran geflogen, da wurde das Summen leiser und löste sich fast auf. Angestrengt lauschte sie in die weite Finsternis. Ihre Augen suchte jeden Himmelskörper ab. Doch plötzlich war es still. Je genauer sie hinhörte und hinsah, verschwand der Raum vor ihr und sie stĂŒrzte plötzlich in die Tiefe.

Rschschschschscht. Wusch. Gut, hatte sie immer einen Kaugummi in der Hosentasche. Schnell kaute sie die kleine bunte Kugel zu einer klebrigen Masse, zog ihn zu einem langen Faden und warf das dickere Ende weit nach vorn. Der Kaugummi klebte an einem der Sternschnuppen fest, die sich laut darĂŒber empörte. Doch das störte Anika nicht. Sie zog fest an der Kaugummischnur und gab sich selbst einen so krĂ€ftigen Ruck, dass sie samt der Sternschnuppe drei PurtzelbĂ€ume schlug.

Ein milder Wind hatte sich im Kaugummi verfangen und schob nun Anika wieder nach oben. Dass so weit oben noch Wolken waren, schien ihr merkwĂŒrdig zu sein. Wolken, im Weltall. Sie stellte sich gerade hin legte beide HĂ€nde ĂŒber dem Kopf aneinander, stiess sich ab und machte eine Hechtrolle mitten hinein in die badeschaumweiche Zuckerwatte.

Mit weit aufgerissenem Mund biss sie sich hindurch und durch und durch, bis ihr ganz schlecht wurde, von all der Zuckerwatte. Doch die Wattewolken nahmen ihr die Sicht. Was sollte sie tun? Sie wollte zu dem grĂŒnleuchtenden Summen. Doch das war wahrscheinlich weit, weit entfernt. Doch aufgeben? Nein, das war eine Eigenschaft, dieAnika nicht kannte.

Sie streckte beide Zeigefinger aus und begann die Wattewolken darum aufzuwickeln. Die Wolken wurden lĂ€nger, dĂŒnner und schliesslich hatte sie die gesamte Zuckerwatter zu einem KnĂ€uel aufgewickelt. Aus dem KnĂ€uel strickte sie nun geschwind mit den Fingern einen wunderbar weichen Teppich. Auf dem sie königlich Platz nahm. Sie schlug ein, zwei Mal mit dem hinteren Teil des Teppichs Wellen in die Luft und dasauste er davon.

Und bald schon flog Anika wieder zwischen den Sternen. Nun hörte sie es auch wieder.

«Uhmmmmmmmuhmmmmm. Kaschschscht, Kaschschscht.»

«Anika, Anika. Aaaaanika. Nie nie nie, kahhhhh.»

«Wo bist du?» Anika sah sich nach der Stimme um. Doch sie hallte von allen Seiten. Um Anika herum war es sehr dunkel geworden. Einige wenige Sterne leuchteten in weiter Ferne.

«Wo sind wir?», fragte sie und sprang vom Teppich.

«Hier und dort und nirgends.», antwortete die Stimme. Anika drehte sich im Kreis. Im Dunkel liefen Schatten um sie herum. Bilder, die sie zu kennen schien, wurden deutlicher und verschwanden wieder.

«Da, der rote Elefant. Oh, den mag ich. Und dort, die Eiscremetorte, das Wackelpuddingschwimmbad und der Ausritt auf dem Drachen, ojaa, ich erinnere mich, das sind ja alles meine TrĂ€ume.» Um so mehr sich Anika erinnerte, desto mehr und deutlicher wurden die Bilder. Sie strahlte vor GlĂŒck. An all die Sachen konnte sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern. Aber jetzt waren sie alle hier und es war so schön sie zu sehen.

Anika stĂŒrzte sich auf das Bild mit dem Elefanten. Sie streckte ihre Hand aus und berĂŒhrte seine weiche Haut. Zufrieden brummte das Tier. Dann drehte sie sich um, doch nun waren alle anderen Bilder verschwunden. Alles war dunkel. Erschrocken tastete Anika nach dem RĂŒssel des Elefanten, den sie gerade noch gestreichelte hatte. Weg. Auch der Elefant war verschwunden.

«Hallo? Hallo?»

«Bschscht. Komm, komm mit. Ich zeige dir etwas ganz Besonderes. Du musst nur mitkommen. Eins, zwei kleine Schritte nur. Sieh doch, dort oben ist es schon. Komm, komm mit. Du kannst es. Ich weiss es. Du weisst es. Heb den Arm und streckt die Beine fest durch. Stoss dich ab und du wirst fliegen.» Anika streckte sich so fest sie konnte. Ihre Beine wurden lÀnger und lÀnger. Moment Mal, das kannte sie doch schon. Ein Zeh, dann noch einen und abstossen, losfliegen.

«Nein, stopp», protestierte sie. «Ich will jetzt wieder nach Hause.» Anika stampfte so fest sie konnte mit dem Fuss auf. Und plötzlich war da Boden unter ihren FĂŒssen. Sie öffnete ihre Augen einen kleinen Spalt und starrte ins Dunkel. In der Finsternis wurden langsam Umrisse erkennbar, ein Fenster, ein Tisch, ein Bett. Sie war zu Hause. Sie hatte es wirklich geschafft. Und nun erinnerte sie sich auch wieder.

Es mĂŒssen Jahre vergangen sein, als sie die Stimme zum ersten Mal gehört hatte und ihr gefolgt war. Und wieder, und wieder, und wieder. Doch nun hielt sie sich ganz fest auf dem Boden. Mit all ihrer Kraft presste sie ihre FĂŒsse auf den Teppich, der weder aus Zuckerwatte war, noch fliegen konnte. Dann schlĂŒpfte sie schnell unter ihre warme Bettdecke, die so herrlich weich war, drĂŒckte ihre Nase in den roten Stoffelefanten und beobachtete die Schatten, die im Licht vor ihrer TĂŒr stehen blieben.

«Bschschscht, Komm, komm Anika. Du musst jetzt langsam aufstehen. Es ist Zeit fĂŒr die Schule.