Was wären wir ohne sie? Denkt sie gerade noch und beginnt auch gleich ihre Nachweihnachtstradition umzusetzen. Klar ist es keine richtige Tradition, die über Generationen und durch die Jahrhunderte weiter getragen wurde. Es ist ihre ganz private, persönliche Tradition. An der es aber kein vorbei gibt, selbst wenn sie es sich vornehmen würde. Ein innerer Drang bringt sie dann doch immer wieder dazu und das schon seit mehr als zehn Jahren.

Sie ist Anfang vierzig, gefühlte zweiunddreissig und lebt mit ihrer kleinen Familie weit weg von ihren Verwandten. Eigentlich um dem Weihnachtsirrsinn zu entkommen. Doch dieser ist dadurch eher noch schlimmer geworden. Wenn sie Omas und Opas, Tanten und Onkel, Freunde und ehemalige Nachbar, Vereinskollegen, Freunde der „Familie“, Familien der Freunde und so weiter an Weihnachten besuchen.

Sie liebt Weihnachten. Am meisten aber, wenn sie es doch einmal schafft Weihnachten zu Hause nur mit ihren zwei Kindern, dem Hund, den beiden Katzen und ihrem Mann zu verbringen. Dann kann es so friedlich und stimmungsvoll sein, wie es in den Liedern schon seit Jahrhunderten besungen wird.

Die Vorfreude, das Plätzchen backen und die kitschige Weihnachtsdekoration, das ist Weihnachten. Schon einige Wochen vor Advent, wenn in dem kleinen Bergdörfchen das erste Mal Schnee fällt, beginnen erste Weihnachtslieder über ihre Lippen zu kullern. Sie grummeln ihr so lange im Bauch herum, bis sie es nicht mehr aushält und sie voller Inbrunst und Vorfreude laut mitsingt. Beim Teigkneten und Plätzchen ausstechen stoben weisse Mehlwolken durch die Küche und legen sich winterlich auf die Haare der Kinder. Weihnachtsduft zieht in die Polstermöbel und die Gardinen, die dann noch Wochen später noch Plätzchen und gebrannte Mandeln riechen. Und überall Glitzert es.

Die Weihnachtsbasteleien liegen auf dem Tisch verteilt, Bänder, Scheren, Kleber, buntes Papier und jede Menge Flitterkram. Die Katzen springen dazwischen herum, tauchen in diesem Gewirr unter und auf der anderen Seite wieder auf. Und der Mann kommt mit dem nach Kälte und Schnee riechenden Hund vom Winterspaziergang.

Doch dann geht alles ganz schnell. Baumschmücken, Wichtel suchen, Lieder singen, Gedichte aufsagen, Geschenke auspacken, glänzende Augen, spielende Kinder, ein Glas Portwein, Papier bündeln, Bänder aufrollen, essen, essen und essen und dann hat sie die Nase voll, dann ist es schon fast so weit.

Gefühlte 6 Wochen Weihnachten mit einem gigantischen Überraschungs- und Geschenkefinale endet am 26. Dezember. Sie atmet auf. Sie dreht sich die Frisur zu einem praktischem Zopf, zieht das alte Wohlfühlshirt an, die bequeme Jogginghose trägt sie schon zwei Tage, weil die Jeans ihr den Bauch zu sehr einschnürt, und dann geht es los. Noch zaghaft zupft sie die Lamettastreifen von der bereits leicht rieselnden Fichte. Vorsichtig werden die guten Weihnachtskugeln abgenommen und in Seidenpapier verpackt. Die Basteleien der Kinder werden noch einmal rührig in der Hand gedreht und dann in den Müll entsorgt. Mit der Gartenschere wird der gute alte Baum sämtlicher Zweige entledigt, die dann im Garten die Rosen vor Frost und Schnee schützen werden.

All der kitschige Weihnachtsplunder wird in den grossen Karton verpackt und in den Keller gebracht und die Weihnachtskarten leisten den Kinderbasteleien im Müll Gesellschaft.

Und dann denkt sie, ist sie fertig. Jetzt hat sie es geschafft. Nun fühlt sie sich endlich befreit von der engen Weihnachtstraditionsjacke. Sie atmet tief durch. Doch da stört noch etwas, bevor sie sich wieder so richtig wohl fühlt. Irgendetwas stimmt da nicht. Sie dreht sich auf der Stelle. Sucht nach versteckten Weihnachtsresten. Doch sie hat alles, selbst die Weihnachts-CDs und Backbücher weit hinten in die Schränke gepackt. Und dann ahnt sie es. Ihr Mann steht hinter ihr. Er hat es schon vor ihr gewusst. Er kennt sie zu gut. Nachdenklich amüsiert beobachtet er sie, schleicht ihr nach, von einem Zimmer in das andere. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und wartet.

Sie kann dieser Tradition einfach nicht entkommen. Sie muss einfach jedes Jahr nach Weihnachten umräumen. Wenn der Baum und all der stimmungsvolle Weihnachtskitsch weggeräumt ist. Wird erst aufgeräumt und dann umgeräumt. Erst danach fühlt sie sich wieder wohl in ihren vier Wänden, für ein ganzes neues Jahr.

Sie dachte, sie könnte dem entkommen. Einfach an Weihnachten und den Nachweihnachtstagen nicht da sein. Weihnachtsurlaub machen. Das bedeutet keinen Baum, keine Geschenkeüberbleibsel wegräumen. Allerdings bleibt die Adventszeit und ein paar Engelchen hier und ein paar Kerzen dort. Die dann doch die Wohnräume in weihnachtliche Atmosphäre tauchen und die nach dem Urlaub weggeräumt werden müssen und wenn erst weggeräumt wird, muss auch umgeräumt werden. Und das vom Urlaub inspiriert im vergangenen Jahr dann mit Strandfeeling.

In diesem Jahr wollte sie schlauer sein und räumte einfach schon vor dem Weihnachtsglitzermaraton um. Couch, Fernseher, Essecke nichts blieb unberührt. Doch sie hatte das Schlafzimmer vergessen. Daher war es klar, was in diesem Jahr ihrer Nachweihnachtstradition zum Opfer fiel. Und eine passende Argumentation hatte sie auch schon. Sie brauchte unbedingt eine Art Büro. Einen Schreibtisch, wo sie in Ruhe arbeiten kann, wenn sonst im Haus das Chaos herrscht, Kinder hinter Katzen herlaufen, der Hund hinter den Kindern übers Sofa springt und der Mann versucht alle irgendwie in Zaum zu halten.

Im Schlafzimmer war nicht viel Platz, aber es war ein Wohlfühlort. Genau da könnte sie in Ruhe arbeiten.

Um das grosse Bett in der Mitte wurden also nun Schränke, Regale und Kommoden verrückt, um einem kleinen Schreibtisch Platz zu machen und hier würde sie nun sitzen und jeden Tag eine Geschichte schreiben.